„Zwischen Unterdrückung und Widerstand“

Anlässe für eine Debatte über Kolonialismus, Rassismus und Kirche gibt es viele: Unter anderem betrifft die aktuelle Auseinandersetzung zu Raubkunst in deutschen Museen auch die zahlreichen Missionsmuseen der kirchlichen Ordensgemeinschaften in Deutschland. Sehr viel drastischer ist der im vergangenen Jahr öffentlich gewordene körperliche und seelische Missbrauch von Kindern in katholischen Missionsschulen in Kanada, nachdem in der Nähe einer dieser Schulen Massengräber entdeckt wurden. Vom 17. Jahrhundert bis in die 1990er Jahre sollen dort Kinder von ihren Eltern getrennt und einer „christlichen Umerziehung“ unterzogen worden sein. Mit daran beteiligt waren offenbar unter anderem Missionare aus der Schweiz.

Nicht zuletzt aufgrund solcher erschütternden Meldungen findet die Kolonialismus-Debatte in immer breiteren Teilen der Gesellschaft statt. Die Rolle der christlichen Mission im imperialistischen Kolonisierungsprojekt war nun auch Thema einer Podiumsdiskussion, veranstaltet von der bischöflichen Akademie Aachen. Drei Impulsvorträge und eine von Fragen aus dem Publikum geleitete Diskussion, befassten sich vor allem mit dem Verhältnis von Mission und Kolonialismus, rassistischen Strukturen in der Kirche und der Rolle der Kirchen im Kampf gegen Unterdrückung.

Sehr deutlich wurde dabei die Verstrickung von Missionierung in das Projekt der imperialistischen Unterdrückung und Eroberung. Kirche spielte eine wesentliche Rolle bei der „Zivilisierungs“-Kampagne der kolonialen Mächte und war somit nicht nur Legitimation des kolonialen Unterfangens, sondern integraler Bestandteil desselben.

Rassistische Paradigmen, die damals zu großen Teilen über kirchliche Medien verbreitet wurden (die Kirche hatte mit dem Buchdruck quasi ein Medienmonopol) ziehen sich bis in die Gegenwart. Afrika, so die Referent*innen, würde auch heute noch dargestellt als Krisenkontinent, z.B. in der Bebilderung romantischer Fremdartigkeit und Armut. Und auch in der Entwicklungszusammenarbeit setze sich das koloniale Unternehmen fort: „Wenn wir den Begriff Entwicklung akzeptieren, sind wir verloren“, so einer der Vortragenden.

Zum anderen wurde jedoch auch herausgestellt, wie wichtig kirchliche Arbeit auch für den Kampf gegen Rassismus und für mehr Gleichberechtigung sind und waren: der Glaube an Gott aber auch das christliche Menschenbild gab vielen der Unterdrückten Kraft, sich zur Wehr zu setzen. Die Rolle der Kirchen in der Geschichte rassistischer Unterdrückung und dem Kampf um Gleichberechtigung ist somit ambivalent. Umso wichtiger sei es, Communitykirchen in die Anti-Rassismus Arbeit mit einzubeziehen.

Am Ende der Veranstaltung blieb die Feststellung, dass sich die Kirche bis heute nicht genügend mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Viel intensiver müsse das Gespräch mit Betroffenen gesucht werden, anstatt lediglich über diese zu sprechen. Auch Strukturen in der Kirche und in kirchlichen Organisationen müssten Rassismus-kritisch überdacht werden. Gerade die katholische Kirche berge das Potenzial, durch ihre gute Vernetztheit über Kontinente hinweg tiefgreifende Veränderungen anstoßen.

Mehr zum Thema Koloniale Kritik und Entwicklungszusammenarbeit lesen Sie in der aktuellen Ausgabe unserer Grünen Reihe.

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